Entfremdung

Diese Stadt, in der ich für Freiheit geschrien, und einen Liebhaber begraben habe. Wenn ich nur ein „Visum“ erhalten könnte um nach Aleppo zu gehen, so könnten Sie mich daran hindern - bitte hindern Sie mich daran, hier her zurückzukehren.

Und doch bringt es einen Immigranten zum Lachen, wenn er die Befürchtungen der Nationalisten hört – verängstigt durch Infektion, Penetration, Rassenmischung. Ist das doch Kleinmist, kleine Fische verglichen mit den Befürchtungen des Immigranten – Auflösung, Verschwinden.
– Zadie Smith

Entfremdung
Von Maha Ghrer
7 April 2016 (das Original auf English erschien auf al Jumhuriya)

Meine Entfremdung begann, als ich in die Türkei nach Gaziantep reiste, als ich alles, was ich wusste, für das Ungewisse tauschte. Flüchtende all meiner Erinnerungen und Leiden, mein Gepäck tragend, als ob bereits wissend, das ich nicht so rasch zurückkehren würde. Die ersten Monate waren schwierig; ich zog mit meinen Taschen von Ort zu Ort und traf ständig auf neue Gesichter. Doch nach kurzer Zeit gewöhnte ich mich an diesen neuen Ort, insbesondere weil diese Stadt Hafen für viele SyrierInnen wurde. Auch liegt sie nahe an Syrien und das gab mir ein Gefühl der Möglichkeit, dass ich jederzeit zu Besuch, dass ich jederzeit zurückgehen konnte.

Nach über zwei Jahren entschloss ich mich nach Europa zu gehen, so wie es viele SyrierInnen bereits getan hatten, und es war dort, als meine zweite Entfremdung begann. Ich wusste nicht was mich dort erwarten würde, und niemand der vorausgegangen war hatte mir gesagt was es bedeutet ein Flüchtling zu sein: dass bei jedem Schritt, mein Stolz zerkratzt würde.

Ich war eine der Glücklichen und erhielt ein Visum, und so startete meine Asylreise in den Niederlanden, im Ter Apel Lager. Stundenlang wartete ich um Erlaubnis ins Lager zu gelangen, bevor ich an der Reihe war. Danach wurden wir sogleich in eine große Halle geschickt um Papiere auszufüllen, die detaillierte Fragen zu unseren Leben beinhalteten. Ich beantwortete die Fragen und wartete eine weitere Stunde, bis mein Name aufgerufen wurde, um meine Fingerabdrücke zu nehmen. Zum ersten Mal fühlte ich Panik: Ich werde ein Flüchtling sein!

Tränen unterdrückend, druckte ich meine zehn Finger. Sie nahmen mir meinen Pass weg, der mich nie verlassen hatte und sie fragten nach meiner Identitätskarte aber ich verneinte rasch, dass ich diese noch besitzen würde. Ich wollte sie für mich behalten, damit sie mich davor bewahren würde meine Identität zu verlieren. Ich ging zurück in die Halle. Es war um die zehn Uhr abends und Leute fingen an über die Möglichkeit in der Halle zu schlafen zu sprechen, falls sie heute nicht fertig würden. Ich war glücklich genug, um ausgewählt zu werden, Decken und ein paar Hygiene Produkte zu erhalten, und sie ließen mich in das Zimmer 5 gehen, das ich mit sechs anderen Frauen unterschiedlicher Nationalitäten teilte.

Rasch ergab ich mich dem Schlaf und wachte um sechs Uhr am Morgen auf, wegen lauten Klopfens an unserer Türe und einer schreienden Stimme „Kommt schon, wacht auf“. Ich brauchte mehrere Sekunden, um zu verstehen, was los war, und warum all dieser Lärm. Hastig machte ich mich bereit. Heute war die klinische Untersuchung der Lunge dran, damit sie sicherstellen können, dass wir keine übertragbaren Krankheiten in die neue Gesellschaft bringen. Wir wurden in ein kleines, dunkles Warenhaus gebracht, und in der Mitte war ein großer medizinischer Wagen. Ich versuchte alles, mit milder Nachsicht, über mich ergehen zu lassen. Tatsächlich waren sie in drei Stunden fertig und es war Zeit zu essen. Ich wusste nicht, was es war, also aß ich ein kleines Marmeladenbrot. Abendessen war nicht besser, und ich begann zu hungern, aber mit der Hilfe einiger SyrierInnen, erhielt ich ein Geschenk: ein Thymian Sandwich mit Gurke.

Am nächsten Tagen wurden wir auf die gleiche Weise geweckt. An diesem Tag nahmen sie Fotos von uns und sortierten uns, um in andere Lager geschickt zu werden. Diese Mission beanspruchte zehn Stunden, um bewerkstelligt zu werden. Uns wurden Schachteln mit Käsebroten gegeben, den ich nicht mochte, und Tüten mit Milch, die ich seit Kindheitstagen nicht mehr getrunken hatte. Ich aß nur das Brot und trank viel heiße Schokolade um nicht, wie die alte Frau vor Müdigkeit und Energiemangel, in Ohnmacht zu fallen.

Glücklich rannte ich mit vielen der Überlebenden dieser ausgedehnten Prozeduren hinaus: Es war an der Zeit ins erste Lager zu gehen. Als wir vor den Bus gelangten, schrie jemand „Zurücktreten!“ Wie ein verlorenes Kind das ein vertrautes Gesicht sucht, fing ich an zu weinen. Ich konnte mich kaum vor dem Schreien abhalten.

Ich wurde mehrmals von einem Lager ins Andere gebracht und jedes Mal erhielt ich Decken, einigen persönliche Hygiene Produkte, eine Essensrationskarte und eine Vorlesung darüber, wie man das System respektiert, Toiletten benutzt, etc. Eines dieser Lager bestand aus zwei Gebäuden. Das erste Gebäude war einmal ein Frauengefängnis, und das andere war einmal ein Sanatorium. Ich wartete viele Wochen, bevor mich mein Anwalt über meinen Abklärungstermin informierte.

Oh Gott, ich werde bald mit den Prozeduren fertig sein und werde an die Hochzeit meiner Schwester gehen und meinen kürzlich aus der Haft entlassenen Bruder wieder sehen können. Aber leider gab mir der Anwalt das falsche Datum an und der Beamte, den ich am nächsten Tag aufsuchte, erklärte mir böse, wie wichtig der Respekt der Pünktlichkeit in diesem Land sei. Und das mein Abklärungstermin nun zwei weitere Monate verschoben wurde!

Ich wartete lange, bevor ich eine Aufenthaltsbewilligung erhielt und in ein Lager bei Oisterwijk transferiert wurde. Zu diesem Zeitpunkt, und weil ich nicht im Lager bleiben wollte, da ich glücklich genug bin zwei Schwestern in den Niederlanden zu haben, fuhr ich jede Woche vier Stunden hin und zurück, um den Stempel abzuholen, der beweist, dass ich immer noch in den Niederlanden lebe. Ich versuchte sie davon zu überzeugen, dass es eine lange Reise ist und ich nicht jede Woche zurückkommen kann.

Für gewöhnlich war ihre Antwort lediglich, „Ich verstehe, aber Sie müssen“. Das Problem mit dem Lager war, das von mir erwartet wurde, in dessen Nähe zu wohnen, weit von meinen Schwestern, und ich würde noch mehr Entfremdung spüren. Deshalb versuchte ich drei Monate lang sie davon zu überzeugen, mich vom Lager in die Nähe meiner Schwestern zu transferieren, aber sie sagten nur, das es nicht erlaubt sei, und Schwestern nur Verwandte zweiten Grades sind, nicht ersten! Schließlich, nachdem ich ihnen gesagt hatte, ich sei müde, erschöpft und sogar depressiv, genehmigten sie meinen Transfer.

So, nun bin ich in Europa, berühmt für ihre Freiheiten und ihre Gesetze, aber ich wusste nicht, das Europa meine grundlegenden Freiheiten nehmen würde. Wo ich leben will, die Dauer meines Aufenthaltes im Ausland, wie ich mein Geld ausgebe und andere solche Dinge. Während dieser letzten Phase mochte ich die Niederlande nicht. Weder konnte ich mich an das kalte, wechselhafte Wetter gewöhnen, noch traf ich viele SyrierInnen.

Die Kälte Europas schleicht sich Tag für Tag in mich hinein. Dieser Ort sieht nicht so aus wie ich und trennt mich von meiner Heimat, meiner Revolution und ihren RevolutionärInnen. Einzig Solidaritätskampagnen für Syrien erlaubten mir einwenig frei zu atmen. Ich habe keine offensichtlich, rassistischen Geisteseinstellungen angetroffen. Aber, ich musste immer erklären, warum ich hier war, was in meinem Land los ist, und das ich nicht vor der ISIS floh, aber vor einem Diktator, der uns jeden Tag ermordet. Ich muss erklären, dass ich weder ein Wirtschaftsflüchtling, noch eine Terroristin bin. Ich musste jeden Tag die Vorurteile bekämpfen, die man mit Flüchtlingen verbindet.

Bei meinem ersten Besuch in der Türkei fragte mich ein Offizier am Flughafen schroff, „Haben Sie nicht mehr vor nach Aleppo zu gehen?“ „Nein, es ist eine gefährliche Stadt“, antwortete ich und, „falls ich dorthin gehen würde, verliere ich mein Recht auf Asyl.“

Sollten Sie, Herr Offizier, auch nur etwas über meine gefährliche Stadt wissen, so besitzt sie mehr Wärme, als Sie. Diese Stadt, in der ich für Freiheit geschrien, und einen Liebhaber begraben habe. Wenn ich nur ein „Visum“ erhalten könnte, um nach Hause, nach Aleppo zu gehen, so könnten Sie mich daran hindern – bitte hindern Sie mich daran, hier her zurückzukehren.

übersetzt von Antidote

PA06
Eduardo Cetner (Azul), 2009
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