Die Flucht – Die Herzlosen

Der nachfolgende Text wurde anlässlich einer Zugbesetzung geschrieben und den Passagieren per Lautsprechanlange vorgelesen. Ziel der Aktion war es, der Flucht eine Geschichte, und den Fliehenden eine Stimme zu verleihen. Vorgelesen wurde der Text von einer Aktivistin der Autonomen Schule Zürich (ASZ) und eines Mitglieds des A4-Infoshop Kollektiv Zürich.

Von AntiDote’s Laurent Moeri

Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker – Che

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Eine radikal gedachte Bedeutung des Wortes Demokratie verlangt daher auch als Antwort eine blinde Solidarität;  blind gegenüber Grenzen, nicht gegenüber Schicksalen.

Mirko:

Geschätzte Fahrgäste,

Erlauben sie mir bitte, mich Ihnen vorzustellen. Ich heisse Mirko, bin 14 Jahre alt und reise mit meiner kleinen Schwester von Zürich nach Bern. Unser Vater hat uns vorhin an den Bahnhof gebracht und uns versichert, bei Ankunft in Bern würde eine Tante auf uns warten. Er hatte eine ernste Miene. Ich spürte Angst.

Moderatorin:

“Wir unterbrechen diesen Bericht kurz wegen eines dringenden Nachrichtenbulletin:

Es herrscht Krieg! Um 19Uhr 05 ist es zum Ausbruch gekommen. Die Grenzen zwischen dem Aargau und Zürich wurden geschlossen. Der Berner Ratspräsident teilte der Nachrichtenagentur SDA mit, dass man sich entschieden habe an der Seite von Aargau gegen die Zürcher Invasoren zu kämpfen.”

Mirko:

Sieht so aus, als sässen wir nun alle im selben Zug!

Moderatorin:

So wie wir, befinden sich in diesem Augenblick weltweit 16 Millionen Menschen auf der Flucht.

Wovor wir fliehen? Vor jener Gewalt der Rebellen, und jener Gewalt des Staates, der Gewalt der Vergewaltiger, und der Gewalt des Öles, der Rohstoffe und der Logik der Gewinnmaximierung. Wir fliehen vor der Aussichtslosigkeit, ein Leben an einem Ort weiter zu führen, das völlig aus den Fugen geraten ist.

Mirko:

In Bern erwartet uns unsere Tante. Sie wird uns zu einem Auto führen und gemeinsam mit zwei Männern, die wir nicht kennen, werden wir in den Wald fahren um mitten in  der Nacht über die Grenze zu laufen. Stundenlang werden wir durch die Kälte der Nacht marschieren. Irgendwann, erschöpft und verängstigt werden Scheinwerfer auf uns gerichtet angehen, Männer in Uniformen und mit Gewehren werden auf uns zielen. Die zwei Männer werden verhaftet, wir befragt, angeschrien, auch die Kleinen und schliesslich werden wir zurückgebracht, dorthin woher wir kamen.

Moderatorin:

Geschätzte Fahrgäste, wir sind alle ein Unglück von der Flucht entfernt. Der Ausbruch eines Krieges, die Explosion eines Nuklear Reaktor, Ausländerfeindlichkeit, ein Erdbeben, eine nicht aufhörende wirtschaftliche Geisselung. In unserem jetzigen Schicksal, sollte es dabei nicht von Wichtigkeit sein, ob wir Flüchtlinge im eigenen Land sind, oder Flüchtlinge auf dem eigenen Planeten.

Demokratie ist eine leere Hülse. Sie hat keine Bedeutung ausser jener Bedeutung die wir ihr widmen. Ist es demokratisch, wenn unsere in Zug steuergünstig verankerten Rohstoffhändler, Menschen im Kongo in gefährlichen Minen für Hungerlöhne ausbeuten lassen? Haben Sie mitentschieden, dass Sie das wollen. Wurden Sie gebeten dem zu zustimmen? Stimmen Sie auch den Waffenverkäufen in Krisengebieten zu? Ist es Ihre Schweiz, die sich so in der Welt bemerkbar macht?

Denn es lässt sich nicht leugnen. Die Schweiz und Ihre Wirtschaft tragen Verantwortungen, weit über die Staatsgrenzen hinaus. Eine radikal gedachte Bedeutung des Wortes Demokratie verlangt daher auch als Antwort eine blinde Solidarität; blind gegenüber Grenzen, nicht gegenüber Schicksalen.

Mirko:

Wir werden es erneut versuchen. Und beim Zweiten Versuch werden wir es schaffen. Und da werden Sie sagen; du bist hier nicht erwünscht. Denken Sie denn, dass ich mir das gewünscht habe? Meine Familie, meine Freunde zu verlieren, meine Stadt, meine Schule zu verlassen, vielleicht für immer? Denken Sie, ich wollte die strahlend schönen Erinnerungen meiner Kindheit mit jenen Erfahrungen der Angst und Ausgrenzung tauschen? Doch hier sind wir nun, und hier werden wir uns eine Existenz aufbauen müssen.

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Moderatorin:

Vor wenig mehr als einem Jahr befreiten sich GenossInnen und Genossen im südlichen Mittelmeerraum von einzelner Diktatoren ihrer Regionen. Der Preis dafür war zum Teil ihr Leben, die Sicherheit ihrer Familie. Zahllose Menschen begaben sich auf die Flucht vor Ausseindersetzungen.

Es ist nun an der Zeit für uns hier in Europa, der Diktatorin aller Diktatoren, den Kampf anzusagen. Grund für einen überwältigenden Teil des Elends in dieser Welt ist das Diktat des Kapitals.

Das Diktat welches es Unternehmen namens Glencore und Xstrata  zulässt, unter Lebensgefährdenden Bedingungen Gewinne zu machen. Das selbe Diktat,  dass uns davon abhält Atomkraftwerke abzustellen, bevor sie in die Luft fliegen. Das Diktat des Kapitals, das uns am liebsten ohne Geld anstellen und ausbeuten würde. Und da kommen wir als hilflose, doch vorallem rechtlose Flüchtlinge jenem Diktat gerade recht.

Um unseren Widerstand zu brechen versucht das Diktat des Kapitals uns in Gruppen zu spalten. In Fremde und Gebürtige, in Opfer und Schmarotzer, in legale und illegale. Doch unser Schicksal ist vereint. Wir weigern uns, einen Unterschied in unseren Kämpfen zu sehen. Das Diktat erfreut sich daran, wenn wir anstatt seine Ungerechtigkeit zu bekämpfen, uns untereinander misstrauen.

Dieser Logik stellen wir die grenzenlose Solidarität entgegen. Ein Unrecht das gegen andere begangen wird, ist ein Unrecht das auch uns gegenüber begangen wird.

In einer Welt in der Menschen um Erlaubnis bitten müssen, frei existieren zu dürfen, liegt unserer einzige Waffe in der bedingungslosen, gegenseitigen Hilfe, und der antinationalen Solidarität.

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