Syrien, Links, Unten

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Hier findet die grösste Revolution seit dem spanischen Bürgerkrieg statt, und alles was wir hören ist das Zirpen der Grillen. Das grosse Schweigen; „es ist kompliziert“ lautet die gängige Ausrede. Ironischerweise wurde Syrien vor der Revolution das „Königreich der Stille“ genannt. Im März 2011 explodierte dieses Schweigen in einer Vielfalt von Stimmen.

Ich versuche hier – viel zu spät – diesen Stimmen Platz zu verschaffen. Nicht nur weil sie üblicherweise überhört werden, sondern auch weil sie Geschichte geschrieben haben. Viele westliche Linke und AnarchistInnen tun sich mit Syrien schwer. Doch obwohl es nachvollziehbar ist – ist die Lage doch äusserst kompliziert, und verdammt deprimierend ; so stellt der Krieg in Syrien den definierenden Konflikt unserer Zeit dar.

Sie mögen die stärkeren Waffen haben, wir haben das stärkere Herz. Viele von Euch besitzen ihre Freiheit dank einer Revolution. Die Zeit für unsere Freiheit ist Jetzt! - Unbekannt

Von Antidote’s Laurent Moeri, 27. Oktober 2016. Mauerbild von Tammam Azzam.

Vom Protest zur Revolution zum Bürgerkrieg

Vor bald 6 Jahren verbrannte sich ein Gemüsehändler in Tunesien und setzte unbekannte Energien frei. Wie eine Feuerbrand überfielen die neuen, unbekannten Wörter der Freiheit riesige Landstriche. Die Herrschenden in Tunesien, Ägypten, Lybien, Yemen, Bahrain, Saudi Arabien und Syrien wurden rasch Zeugen einer anbrechenden, neuen Ära. Für einen Augenblick war nichts wie früher. Für einen Augenblick war alles möglich. Am 15. März gingen ein Dutzend Kinder in der Nacht zu ihrer Schule und kritzelten regimekritische Sprüche auf die Wand. Sätze die sie aus Bildern im Fernsehen kannten, die sie auf dem Tahrir Platz in Kairo zum ersten Mal gehört hatten.

Die Schulkinder wurden verhaftet, ihren Eltern wurde gesagt neue Kinder zu zeugen. Die Empörung löste Proteste aus. Zu beginn riefen die Proteste lediglich zu Reformen auf, doch je mehr Menschen starben, desto häufiger wurden die Rufe zum Fall des Regimes.

Viele SyrierInnen bezeichnen ihren ersten Protest als ein ekstatisches Erlebnis. Die Antwort des Regimes auf ihre Hoffnungen war aber rohe, gottlose Gewalt. Von Protest zu Beerdigung zu Protest bildete sich ein Gewaltkreis aus dem sich die Menschen nicht mehr zu lösen wussten. Als dann Soldaten die Armee desertieren und in ihre Städte kehrten um ihre Familien zu schützen, als Zivilisten anfingen zu Waffen zu greifen, militarisierte sich die Revolution.

Bis heute hat der Konflikt in Syrien mehr als eine halbe Million Menschenleben gefordert. 12 Millionen Menschen wurden aus ihren Häusern vertrieben. Mehrere Städte wurden in Schutt und Asche gelegt und eine in ihrem Ausmass unbekannte Flüchtlingswelle wurde ausgelöst. Im Gegenzug sind die populistischen Parteien Europas erstarkt und stellen die EU vor Zerreissproben. Syrien hat sich über die Jahre in ein Spielfeld geopolitischer Machtbestrebungen verwandelt, auf dem verschiedene Grossmächte um Vorrang kämpfen.

Der Konflikt in Syrien durchging unterschiedliche Phasen. Kurz gesagt, der Konflikt wandelte sich von Protesten zum Aufstand, vom Aufstand zur Rebellion, von der Rebellion zum Bürgerkrieg. Vom Bürgerkrieg wurde der Konflikt nun internationalisiert. Sei es durch die militärische Beteiligung von Russland, Iran oder Hizbollah, sei es durch die Beteiligung der USA und Qatar, oder sei es durch die internationalen Jihadisten von Daesch. Der nächste Abschnitt steht bereits für die syrischen Revolutionären vor der Türe. Die nationale Befreiung.

Die Linke und Alibaba

Syrien ist für die westliche Linke eine Bewährungsprobe, im dem sie grösstenteils erbärmlich versagt. Geprägt ist dieses Scheitern durch ein Diskurs, der ihren Mangel an Solidarität rationalisiert. Man denke dabei an den Couch-Genossen Žižek. „Es gibt keine signifikante moderate Opposition“ sagen sie, und weil wir ja nicht selber hinschauen, scheint das glaubhaft. Andere Linke, vor allem Stalinisten, haben sich sogar ganz hinter Bashar al-Assad gestellt und es hat sich eine weltweite, braun-rote Allianz geschmiedet die das genozidäre Regime des Metzgers aus Damaskus unterstützt.

Tragisch und empörend; das dürften sich viele syrische AktivistInnen gedacht haben, als sie zu Beginn ihrer Revolution von den Linken im Westen im Stich gelassen wurden. Noch schlimmer, zur fehlerhaften Darstellung der Revolution haben verschiedene linke Parteien massiv beigetragen. Unter dem Banner eines verklärten anti-Imperialismus und geführt von einem an Islamophobie grenzenden Orientalismus haben sie das Streben nach Freiheit und sozialer Gerechtigkeit eines ganzen Volkes aberkannt.

Gestützt wird diese Weltsicht von einem völlig veralteten Denkansatz, der seinen Ursprung im Kalten Krieg hat. Ein Ansatz der Willens ist ohne Zweifel, jeden Staat zu unterstützen der sich offiziell zum Feind der USA erklärt. „Die USA wollen Assad (den anti-Imperialisten Lol) absetzen. Russland und der Iran sind die anti-imperialistischen Alliierten des glorreichen Assad Regimes.“ So geht ihre Logik. Das geht natürlich nur wenn man davon absieht, dass diese Staaten selber imperialistische Aspirationen haben und ihre jeweiligen Zivilbevölkerungen selber erbarmungslos unterdrücken und fernab sind, vertretbare Institutionen darzustellen.

Aber ihre Logik und Rhetorik leidet noch an einem grösseren Gebrechen. Die USA haben nie versucht Assad zu stürzen. Weder am Anfang der Proteste, noch zu Beginn der Militarisierung, noch nach den chemischen Angriffen hat die USA jemals den Sturz des Regimes angestrebt. Dies zeigte sich am deutlichsten, an der Weigerung der USA, die moderaten Elemente der Freien Syrischen Armee mit Waffen wie Panzerabwehrraketen, oder Boden-Luft Raketen auszurüsten. Solche Waffen hätten rasch zum Fall des Regimes führen können. Die progressiven Kräfte der syrischen Revolutionen wurden in den frühen Tagen mehrfach von ihren natürlichen „Verbündeten“ mehrfach verraten. Zu Oberst auf der Liste, Anarchisten und Radikale.

Was sich hier gezeigt hat, ist das die institutionelle Linke sich – und das nicht nur in Syrien -von den normalen Menschen abgelöst hat. Die institutionelle Linke hat verraten das sie nicht an Veränderung von Unten glaubt und ist deshalb so beschäftigt mit Staaten, als ob es so etwas wie gute Staaten gäbe. Aus marxistischer Sicht gebührt Unterstützung und Solidarität entlang der Klassenlinien und gegen die herrschende Klasse. Und dies ist es was linke Politik ausmacht; seine Verbündeten zu identifizieren und sich in ihrem Kampf gegen die Unterdrücker an ihre Seite zu stellen, und sei es nur als Sprachrohr. Darin hat, und es lässt sich nicht anders formulieren, die westliche Linke überaus deutlich versagt.

Noch verstörender ist jedoch; die rassistische und orientalistische Grundhaltung die nötig ist um eine Revolution dermassen zu diskreditieren. Wie stark ist die Linke vergiftet mit Ignoranten, die den unbändigen Drang nach Freiheit einer ganzen Bevölkerung – entweder als islamistischen Terrorismus oder instrumentalisierten Spielball der Geopolitik oder aber, – und das am liebsten, als hilflose Opfer, Flüchtlinge – aberkennen. Die westliche Linke hat angesichts der Tragödie in Syrien sowohl ihre Glaubhaftigkeit als auch das Mitspracherecht verloren. Sollte sie diese Bewährungsprobe auf Dauer nicht besser adressieren, ist sie auf bestem Wege sich selber überflüssig zu machen.

Projekt Rojava

Ein Lichtschimmer für die gebeutelte westliche Linke scheint die Rojava Revolution zu sein. War die Linke unfähig Farbe für die syrische Revolution zu bekennen, kann sie kaum genug Solidarität kundtun für die KämpferInnen in Rojava.

Diese reichen von weltweiten Solidaritätskundgebungen und Spendenaufrufe, Waffensammlungen hin zu mutigen, selbstlosen, der Sache verschriebenen Individuen die den Weg nach Rojava auf sich genommen haben um in internationale Bataillone, dem Kampf zu dienen. Sie erinnern uns dabei an den Spanischen Bürgerkrieg.

Das in Rojava einige der beeindruckendsten Fortschritte der progressiven Bewegungen gemacht wurde steht ausser Zweifel. KurdInnen tragen eine lange, tragische Geschichte von Unterdrückung und Verfolgung in ihren jeweiligen Staaten mit sich. Unter Assad durften sie ihre Sprache nicht benutzen und wurden von der sogenannten „Politik der Arabisierung“gezielt unterdrückt, die in erster Linie darauf ausgerichtet war, ihre natürlichen Ressourcen zu kontrollieren.

Von demokratisch-konföderalistischen Ansätzen zu Selbstverwaltung hin zur Emanzipation der Frau. Diese tiefgreifenden Veränderungen sind umso beeindruckender, als sie inmitten eines barbarisch geführten Kampfes gegen die Faschisten von Daesch stattfanden.  Seither, haben aber viele UnterstützerInnen vom „Projekt“ Rojava einen dogmatischen und unkritischen Standpunkt eingenommen.

Speziell wenn es sich um die militärische Dimension des kurdischen Kampfes in Nordsyrien handelt, haben viele Linke im Westen wesentliche Widersprüche verharmlost oder ignoriert. Widersprüche die nicht nur mit den Prinzipien der Revolution in Rojava in Konflikt stehen, sondern auch zukünftige Abkommen und die Verbreitung von anti-authoritären Werten in der Region gefährden. So hat sich die PYD, nachdem sie sich zu anti-authoritären Prinzipien bekannt hat,  mehrere Verbrechen zu Schulden lasten kommen, dessen verstörendstes Beispiel wohl die zeitweilige Schliessung der Grenzübergänge für Flüchtlinge aus Syrien darstellte.

Teil der Prinzipien der Rojava Revolution sind kulturelle und politische Autonomie, sowie säkularer Pluralismus. Gleichzeitig hat aber die PYD eine Strategie der Vereinigung der drei kurdischen Kantone in Nordsyrien angestrebt. Militärisch wird versucht die Regionen um Afrin, Kobane und Jazira – die durch grosse geographische Distanzen getrennt sind – zu vereinen. Allerdings sind diese Gebiete historisch mehrheitlich von arabischer Bevölkerung besiedelt. So wird der PYD und ihren militärischen Einheiten politischen Egoismus un Opportunismus vorgeworfen. Zum Einen nur für sich zu schauen, und zum Anderen die syrische Revolution nicht zu anerkennen, sondern zu missbrauchen um ihren eigenen Staat zu gründen. Diese Dynamik hat in der Zwischenzeit, auch starke ethnische Spannungen im Norden Syriens ausgelöst.

Verteidigt wurde dieser Zustand von linker Seite oft mit dem unterschwelligen Argument, bei der arabischen Opposition handle es sich lediglich um Kopf-abhackende Jihadisten. Es ist zu hoffen das Kräfte der Freien Syrischen Armee und der kurdischen YPG/YPJ ihre Differenzen klären können, und diese Spaltung im Namen einer noch unklaren Zukunft überbrücken. Dies scheint umso wichtiger da jetzt – neben Russland und Iran- auch die Türkei sich militärisch in den Konflikt engagiert.

Aus anti-authoritärer Sicht sind die Bestrebungen zur Autonomie des kurdischen Volkes natürlich mit aller Kraft zu unterstützen. Sei dies in Syrien, in der Türkei, im Irak oder im Iran. Aber mit der genau gleichen Kraft sind auch die Bestrebungen der SyrierInnen zur Autonomie hin zu unterstützen, die sich gleichzeitig gegen islamistischen Totalitarismus, dem genozidären Assad Regime, und ausländischen Milizen vom Iran bis nach Serbien verteidigen müssen.

In Syrien, war Omar Aziz einer der anarchistischen Vordenker. Aziz war überzeugt damit die Revolution gewinnen könne, müsse sie alle Aspekte des sozialen Lebens durchdringen und verändern. Er formulierte die Idee der „Local Coordination Committees“. Während der Staat sich aus den befreiten Gebieten zurückzog, verschwanden auch die Dienstleistungen. Die lokalen Koordinationsräte organisierten nun, von Unten und selbstverwaltet, Bildung, Gesundheit, die Verteilung von Hilfegüter und vieles mehr. In einem Land das vor der Revolution nur einen Präsidenten kannte, handlen heute über 400 lokale Gremien. In einem Land das keine oppositionelle Medien kannte, erscheinen heute über 600 Publikationen, zahllose freie Radiostationen sind entsanden, und Kunst und Kultur explodieren wie nie zuvor.

Es sind diese lokalen Gremien die das Leben in den befreiten Gebieten heute aufrecht erhalten. Die dafür sorgen das Strom und Wasser vorhanden ist, die kleine Spitäler und unterirdische Schulen aufbauen. Diese Selbstorganisierung ist beeindruckend, und obwohl viele sich nicht selber als AnarchistInnen bezeichnen, so zeigen sie wiederholt, die Prinzipien schon längst verinnerlicht zu haben. Hier wird direkte, lokale Demokratie gelebt, und wir hören nur das Zirpen der Grillen zwischen der Zerstörung der Bomben.

Zurück nach Aleppo

Nun stellen viele im Westen die Situation so dar, als sei eine militärische Intervention à la Irak benötigt und diese wollen sie nicht (weil sie für den „Frieden“ sind). Allerdings haben die syrischen Revolutionäre das gar nie verlangt, im Gegenteil. Verlangt wurden allerdings zwei militärische Elemente. Erstens, die Aufhebung des Waffenembargo und Zweitens, die Einrichtung einer No-Fly Zone.Für jede Anarchistin, für jeden Radikalen, – die ihre Geschichte kennen – sollten jetzt alle Alarmglocken läuten. Wir kennen das Szenario. Wir kennen es seit Spanien 1936 und konnten es in den 1990er noch einmal in Bosnien beobachten.

Die grösste Bedrohung für das Assad Regime kommt nicht von Aussen. Die Bedrohung für das Assad Regime heisst weder ISIS noch USA. Es ist die syrische Bevölkerung die Assad stürzen wird, die nach all der Gewalt und all dem Staatsterror immer noch ihrer Revolution verschrieben ist. Wer die Ereignisse aus Syrien verfolgt weiss: jeder Waffenstillstand wird Zeuge unzähliger Demonstratione. Anstatt sich einen Moment lang zu erholen, verkünden die Menschen ihren nicht zu brechenden Willen zur Freiheit. Wer Daesch und die damit verbundene Idelogie besiegt sehen will, wird früher oder später einsehen, dass nur die lokale Bevölkerung diesem Phänomen Einhalt gebieten kann.

Die syrische Revolution ist die tiefgreifendste Revolution die die Welt seit dem Spanischen Bürgerkrieg gesehen hat. Das sage ich ohne den kleinsten Zweifel. Es ist an der Zeit, dass die Radikalen Europas von ihrem hohem Ross absteigen.

Mehr als alles, wer die syrische Revolution nicht verfolgt hat, tut mir Leid. Er oder sie hat das Pech, die inspirierendsten Momente unserer Zeit zu verpassen. In den kommenden Monaten werde ich versuchen, jenen, die wie ich heute – viel zu spät – aufwachen, die Möglichkeit zu geben, an der grenzenlosen Widerstandsfähigkeit, an den Mut, und an der Schönheit dieser bislang verratenen Revolution teilzunehmen.

Die syrische Revolution ist Quelle zahlloser Lektionen und inspirierender Geschichten. Eine solch tiefgehenden Veränderungen ereignet sich nur selten in der Geschichte. Wir sollten glücklich sein, es erleben zu dürfen. Und wir sollten Willens sein – für unsere eigenen Kämpfe – daraus zu lernen. Radikale und Anarchisten sollten sicherlich ohne Vorurteile, die Ersten sein, die das Ausmass dieser Revolution erkennen und sich mit den revolutionären Massen in Syrien solidarisieren. Ash-shab yurid isqat an-Nizam!

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