Αθήνα Burns

Es ist faszinierend zuzuschauen wie sich die Menschen organisieren. Welche Rechte sie sich wieder aneignen, der Spielplatz und Park sind Ausdruck davon. Tatsächlich drängen sich Fragen auf, wie würden wir mit einer derartigen (überlebens-)Krise umgehen?

Von Antidote’s Laurent Moeri

Das Original erschien im Juni 2010 in der Volksstimme (Österreich)

Als erstes möchte ich Dir ganz liebe Grüβe von deinem neuen Freund ausrichten. Sodiris ist 12 Jahre alt und lebt in Exarchia und hat uns gestern beim Bau eines Spielplatzes geholfen.

Exarchia ist ein baulich herunter gewirtschaftetes Quartier der Innenstadt Athens, dessen Geschichte die Wände am Besten erzählen. Schwarz-rote Sprayerein dominieren das Landschaftsbild. Forderungen und Drohungen an den Staat, Aufrufe zu Demonstrationen, internationale Solidaritätsbotschaften und Anarchiezeichen. Eine Art Fingerabdrücke der Bewohner und Besucher. Die Krise steht hier deutlich an den Wänden geschrieben, wohl schon lange bevor sie in unseren Nachrichten erschien.

Die Athener (aus bürgerlichen Ecken der Stadt) fürchten das Quartier wohl einwenig und doch fasziniert es viele. Es ist ein Ort an dem die Staatsgewalt wenig zu spüren ist und dies hat kaum erstaunlich äuβerst kreative Erscheinungen zur Folge. Allerdings werden alle Eingänge des Quartiers stark von Bereitschaftspolizei bewacht. Innerhalb Exarchias ist, für das nicht ansässige Auge, jedoch keine Polizei sichtbar. Daher ist das Gefühl, das ich in dem Quartier so genieβe, das Gefühl der Freiheit.

Navarinou+Park+Athens+2009

Vorgestern, Samstag, saβ ich gegen Mittag mit meinem Kaffee auf einem Platz Exarchias, der mir bereits früher dadurch aufgefallen war, dass er keinen Namen hatte. Dieser Platz, ein Park im Ansatz, ist nicht auf der Stadtkarte zu finden und hat auch keine städtische Beschilderung. Ich beobachtete ein paar junge Frauen und Männer, die gestikulierend ihren Plan besprachen. Bewaffnet mit Schaufel, Schubkarre und Presslufthammer machten sie sich daran ein Stück Asphalt aufzuspalten. Es war sofort klar, dass es sich dabei nicht um eine städtische Sanierungsmassnahme handelte, sondern um eine libertäre Aktion. Ich gesellte mich zu ihnen und fragte den Typen mit dem Presslufthammer, Pyros sein Name, ob sie meine Hilfe bräuchten. Hilfe sei immer zu brauchen. Und so war eine Freundschaft begründet.

Die Reise nach Athen war für mich von Anbeginn eine extrem spannende Angelegenheit. Wie du weisst, war es eine spontane Entscheidung nach Athen zu fliegen und ich hatte mir einzig vorgenommen, den Leuten zu zuhören, die Stimmung und die Atmosphäre der Strassen zu spüren. Die ersten Tage lief ich den ganzen Tag durch die Strassen der Stadt. Fasziniert von der Ausdruckskraft der Wände folgte ich einfach den Malereien und gelangte so immer wieder an spannende Orte. Gemeinschaftsküche in der polytechnischen Universität, Solidaritätskundgebung für gefangene Anarchisten, spontane Filmvorführungen vor dem Eingang der ASSOE, die Universität für Wirtschaftswissenschaften.

In der ASSOE fanden vom 13. Mai an auch dreitägige Podiumsdiskussionen statt zu jedem möglichen Thema, das mit der Krise, dem Kapitalismus und Griechenland zu tun hat. Leider waren sie meistens auf Griechisch. Prominenter Besuch kam  aus den USA. David Harvey bekundete seinen Widerstand gegenüber den inhumanen Sparmassnahmen. Der Fakt, dass die Politik der Entbehrung, der Knappheit, die des IWF und der EU, gegen die Menschen handelt, empört sie. Diese Empörung ist hier überall spürbar. Die Wut auf die Pasok, die sozialdemokratisch Regierungspartei, die Beamten die nie Steuern gezahlt haben, die allgegenwärtige Korruption des Systems. Einige schieben die Schuld auf Ausländer. Pakistanis, Albaner und andere Minderheiten gelangen ins Schlaglicht der Medien.

Doch die Anzahl der Demonstrationen und deren Gröβe lässt keinen Zweifel offen. Die Leute wissen sehr wohl wer schuld ist und sie zeigen Ihre Unzufriedenheit. Am Mittwoch ist der Bürgermeister der Athener Gemeinde Ellinikon, Abgeordneter der Kommunistischen Partei Griechenlands (drittstärkste Partei) anlässlich der Ankündigung, dass das Parlament dem Kallikratis-Plan zustimmen würde, in den Hungerstreik getreten. Der Plan sieht vor, unzählige Verwaltungen, Dienste und Leistungen in der Höhe von jährlich 1.8 Milliarden Euro einzusparen. Insgesamt könnten über 350 000 Arbeitsplätze davon direkt betroffen sein. Eine beeindruckende Zahl, wenn man bedenkt das Griechenland insgesamt etwas mehr als 11 Millionen Einwohner zählt. Am selben Abend gab es noch eine Demonstration an der 5000 Menschen teilgenommen haben. Wie mir gesagt wurde eine äusserst kleine Demonstration für Athen. Es war die erste nach dem Generalstreik am Donnerstag zuvor und des Zwischenfalls bei der Marfin Bank der 3 tote Angestellte hinterlassen hatte.

Wir sitzen in einem Innenhof und essen gerade Mittag. Kollektive Küche. Für einen Solibeitrag das beste griechische Essen. Der erste Teil der Arbeit ist erledigt. Wir haben unzählige Schubkarren Schutt und Erde abgetragen. Pyros, Dafne, Giorgio, Yanis und ich. Sie diskutieren über den Sprengsatzanschlag auf die Bank und stellen eine Zunahme an spontanen Gewalttaten fest. Dafne erklärt mir, dass linke Organisationen meistens die Schuld daran von sich weisen. Jedoch seien die Täter sehr wohl bekannt. Zu lange habe man sie toleriert, da einige machtorientierte Gruppen sie zu instrumentalisieren versuchten. Pyros ergänzt, niemand hätte der Gewalt zugesagt, doch nun müsse man diese grundsätzlich apolitischen Kräfte aus dem Quartier und vor allem aus den Demonstrationen verbannen.

Auf dem Weg zurück zum Park erzählt mir Pyros dessen Geschichte. Im Dezember 08, einer magischen Zeit, sei die Pacht eines Parkplatzes abgelaufen und Stück für Stück Asphalt und Beton entfernt und Lebensraum geschaffen. Das Grundstück gehört einer Ingenieurvereinigung der Stadt Athen und diese haben schon vor vielen Jahren der Stadtverwaltung einen Tausch vorgeschlagen, mit der Bedingungen, daraus eine Grünfläche zu schaffen. Jahre lang ist nichts geschehen,  bis letzten Dezember.

Es ist faszinierend zuzuschauen wie sich die Menschen organisieren. Welche Rechte sie sich wieder aneignen, der Spielplatz und Park sind Ausdruck davon. Tatsächlich drängen sich Fragen auf, wie würden wir mit einer derartigen (überlebens-)Krise umgehen? Wie würden wir auf einen von ganz oben diktierten (überlebens-)Plan reagieren? Was würden wir für die Heuchelei des IWF und einer unfähigen Regierung empfinden? Wie weit ist Griechenland von uns entfernt? Athen ist überall. Überall wo skrupellos im Namen des Profits gewirtschaftet wird, überall wo das System einzig kapitalorientiert ist, überall wo Wirtschaftswachstum über den menschlichen Interessen steht.

Jeden Samstag und Sonntag kann in Athen im Navarinou Park ab 12 Uhr geholfen werden. Einfach fragen.

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