Wer sind die Kommunisten wirklich?

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Von Carlos Pérez Soto, übersetzt aus dem Spanischen von Una Gatito

1. Im Jahr 1848 waren die Kommunisten diejenigen, die das Privateigentum an den Produktionsmitteln als den Ursprung der Übel des Kapitalismus ansahen. Karl Marx schlug vor, die bis dahin “Liga der Gerechten” genannte Vereinigung in “Liga der Kommunisten” umzubenennen, denn er verstand, dass es sich nicht nur um die Gerechtigkeit im Allgemeinen, in der Manier einer moralischen Forderung handelte, sondern dass es darum ging, eine direkte politische Opposition zum herrschenden System als Ganzes zu organisieren.

Marx nannte diejenigen Kommunisten, die die tiefgreifende Bewegung der Realität erkannt hatten, die materiellen Möglichkeiten der Befreiung, die durch die kapitalistischen Interessen gehemmt wurden, und die politischen Möglichkeiten, die das organisierte Bewusstsein der Arbeiter eröffnete.

Er argumentierte, dass die Mächtigen diese große historische Veränderung in der Gegenwart auch festgestellt hatten; er schrieb, dass die dominierenden Mächte bereits anfingen, ihre revolutionären Möglichkeiten zu fürchten; er schrieb, dass der Kommunismus wie ein bedrohlicher Geist durch Europa zu ziehen begann:

“Alle Mächte des alten Europa haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet, der Papst und der Zar, Metternich und Guizot, französische Radikale und deutsche Polizisten. Wo ist die Oppositionspartei, die nicht von ihren regierenden Gegnern als kommunistisch verschrien worden wäre, wo die Oppositionspartei, die den fortgeschritteneren Oppositionsleuten sowohl wie ihren reaktionären Gegnern den brandmarkenden Vorwurf des Kommunismus nicht zurückgeschleudert hätte?”

Marx nannte eine Art Revolutionäre Kommunisten, die von den Mächtigen gefürchtet wurden, ungeachtet wie prekär und primitiv ihre Organisationen und konkreten polítischen Initiativen erschienen haben mochten. Sie waren furchterregend wegen ihres radikalen Programms. Furchterregend wegen ihres Willens zur radikalen politischen Aktion.

"Es geht nicht nur um Bildung. Wir wollen ein unterdrückerisches System stürzen, welches das Leben als Ware ansieht"

“Es geht nicht nur um Bildung. Wir wollen ein unterdrückerisches System stürzen, welches das Leben als Ware ansieht”

 

2. Im März 1918 schlug Lenin vor, die bolschewistische Partei “Kommunistische Partei” zu nennen, um die Unterschiede zu denjenigen zu betonen, die nicht glaubten, dass die Oktoberrevolution sich in den Kämpfen des Proletariats zu einem großen Schritt nach vorne verwandeln könnte. Im Dezember 1918 verwandelte sich der “Spartakus-Bund”, geführt von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, in die Kommunistische Partei Deutschlands, die ihre Unterstützung der Oktoberrevolution, der demokratischen Möglichkeiten letzterer und ihre Opposition zum reformistischen Marxismus von Karl Kautsky offenbarte.

Von 1918 bis 1919 wurden viele kommunistische Parteien im gleichen Geist der deutschen Partei gegründet. Im März 1919 wurde der Erste Kongress der Dritten Internationalen abgehalten, welche sich selbst die Kommunistische Internationale nannte. In diesem Moment nannte man diejenigen Kommunisten, die die Notwendigkeit der radikalen Aktion zum Sturz des herrschenden Systems erkannten, diejenigen, die die Notwendigkeit einer revolutionären Diktatur des Proletariats gegen die – demokratische oder undemokratische – Diktatur des Kapitals festgestellt hatten, welche in einem Rechtsstaat zum Ausdruck kam, der, entgegen den Interessen des gesamten Volkes, systematisch die Bourgeoisie begünstigte.

Zwischen 1918 und 1929, trotz des revolutionären Krieges, trotz der kapitalistischen Belagerung, trotz der wirtschaftlichen Schwierigkeiten, schufen die sowjetischen Kommunisten zum ersten Mal in der Geschichte, ein landesweites, säkulares und kostenloses Bildungssystem, ein allgemeines und kostenloses Gesundheitssystem, das für die Bedürfnisse eines jeden einzelnen Bürgers ausgelegt war. Sie etablierten, zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit, die vollen gesetzlichen und politischen Rechte der Frauen; sie legten den Grundstein für ein Rechtssystem, das systematisch die Interessen des Proletariats begünstigte, das heißt, eine Diktatur des Proletariats. Sie wollten die  größten Schritte tun, die radikalsten, um das zu verfolgen, was ihr Name darstellte: eine kommunistische Gesellschaft, eine Welt, in der es keinen Klassenkampf mehr gab.

3. Die selbstzerstörerische Manie, aufgrund derer wir uns daran gewöhnt haben, ausgehend von einer Logik der Niederlage zu denken, hat uns dazu bewegt, die mehrfachen Gründe bis zum Überdruss hervorzuheben, warum diese grandiose Initiative des Proletariats zu einer bürokratischen Diktatur und zum Totalitarismus führte.

Die Gründe sind vielfältig und gewichtig, die Abdrift des Kommunismus wurde tragisch und zerstörerisch. Dies ist etwas, was wir wissen und worauf hinzuweisen sich unsere Feinde ergötzen, wobei sie die katastrophalen Folgen für die ganze Menschheit von dem auslassen, was sie selbst verteidigen. Und dies ist etwas, worauf hinzuweisen wir uns selbst angewöhnt haben, wenn es darum geht, unsere Kompromisspolitik zu rechtfertigen, als wären wir dazu verdammt, immer und immer wieder besiegt zu werden.

Aber der lediglich punktuelle, nur ansatzmäßige Aspekt, der mich hier interessiert, bei dieser Berufung auf die Geschichte – die mich nie all zu sehr überzeugt hat – ist, was der lange Schatten des bürokratischen Sozialismus für diesen originellen und Grund-legenden Namen bedeutet hat. Was es für die Idee bedeutet hat, von dem, was es heißt, Kommunist zu sein.

4. Der bürokratische Sozialismus verzerrte zutiefst die Logik des kommunistischen Appels der Dritten Internationalen. Er verwandelte zwei scheinbar gegensätzliche Typen von Parteimitgliedern in Kommunisten. Einerseits die, die unter dem übergeordneten Imperativ, die Realität und das Beispiel der Sowjetunion zu verteidigen, sich darum bemühten, immer wieder die selben Wege und konkreten politischen Aktionen zu erzeugen, die zur Oktoberrevolution geführt hatten; andererseits diejenigen, die unter derselben Logik versuchten, den Sozialismus über die Verwicklungen und Sprungfedern der parlamentarischen Demokratien zu erreichen, die sich im 20. Jahrhundert entwickelten. Mao Tse Tung und Palmiro Togliatti sind die besten, perfekt symmetrischen Beispiele solcher Politik. Der keynesianische Reformismus des italienischen Kommunismus und die massive Umwandlung des chinesischen Kommunismus zum Kapitalismus sind heute ein Zeugnis dafür, was solche bürokratischen Kommunisten historisch für eine Bedeutung haben.

Mit ihnen fand eine kommunistische Politik statt, in der seltsamerweise gerade das kommunistische Ziel als Erstes aus dem Diskurs und aus der Aktion verschwand. Alles wurde zum Übergang. Und die Übergänge wurden nie hinsichtlich ihres Ziels ausdiskutiert, sondern bloß im Hinblick auf ihre relative, mehr oder weniger formale, Annäherung oder Abkehr zum sowjetischen Modell.

Kommunistisch wurde Synonym von Staatismus, von Industrialisierung, von organisatorischem Vertikalismus, von kritischer Überzeugung, bei der die Bedürfnisse der Akionseinheit immer schwerer wogen als die kritische Berufung selbst.

Die kommunistische Politik behielt eine zweideutige Position hinsichtlich der revolutionären Gewalt bei; sie akzeptierte sie für die Peripherie und verweigerte sie für die entwickelten Länder. Eine zweideutige Position bezüglich des bürgerlichen Rechtsstaats, ihn direkt attackierend, wenn das Kräfteverhältnis vorteilhaft war, ihn als ein eisernen Rahmen akzeptierend, wenn man dachte, dass es keine Chance zur effektiven Machtübernahme gab.

Wie sehr oft festgestellt wurde, verwandelte sich die kommunistische Politik in eine Politik der Forderungen und insbesondere in eine ökonomistische Politik. Und die kommunistischen Parteimitglieder, welche von einer homogenisierenden Kultur geprägt waren, hatten systematische Schwierigkeiten, sich auf wesentliche Art irgendeinen Bereich anzueignen, der nicht der der sozio-ökonomischen Forderung war.

Damit waren die Probleme der Umwelt für sie schwierig, die der ethnischen und geschlechtlichen Unterschiede, die Probleme im Zusammenhang mit der Nutzung der Informationstechnologien, welche, glücklicherweise, in der Hand anderer, nicht marxistischer Aktivisten verblieben, die die darin enthaltenen Quellen für die Kritik und politische Aktion zu erkennen wussten und auf dieser Weise der Opposition gegenüber dem System ein weites Spektrum der Kämpfe eröffneten, zu denen die sogenannten kommunistischen Militanten immer spät und schlecht antraten, sowie mit einer immer präsenten stalinoiden Berufung, sie in dem Dienst der eigenen Politik zu stellen.

Weit davon entfernt, jene weinerliche Politik fortsetzen zu wollen, die am Masochismus klebt, die man hochtrabend “Selbstkritik” nennt und die ihre opportunistische Berufung kaum verbergen kann, interessiert es mich hier nicht, noch einmal die Gründe und Nicht-Gründe des Verlorenen aufzuzählen, sondern direkt Gedanken über die Zukunft zu entwickeln. Direkt über die große Aufgabe nachzudenken, die die Menschheit vor sich hat, und deren materielle Prämissen wir jeden Tag vorfinden, ohne auf der Höhe einer Politik zu sein, die sie plausibel und umsetzbar macht.

Das Unmögliche braucht lediglich einwenig länger

Das Unmögliche braucht lediglich einwenig länger

 

5. Wieviel von dem kann noch “kommunistisch” genannt werden? Im Sinne von Marx, im Sinne der Bolschewisten, jenseits der Stempel und der Markenzeichen: Wer sollte eigentlich Kommunist genannt werden?

Zuallererst sind Kommunisten diejenigen, die glauben, dass der Kommunismus möglich ist. Dass eine Gesellschaft ohne soziale Klassen weder ein Traum ist, noch eine Utopie, noch infolge der Trägheit eines ökonomischen und technischen Fortschritts entstehen wird. Diejenigen, die diese Perspektive ins Zentrum ihrer Politik stellen und fähig sind, sie auf wirkungsvolle und explizite Weise zu erläutern und zu fördern, ohne die Ausflucht, dass es sich um einen Grenzwert, um ein extrem fernes Ziel handeln würde.

Ohne Erzählungen über einen Übergang, erst zu einer fortgeschrittenen Demokratie, dann zum Sozialismus, dann zur Grundlage von etwas und dann dort, jenseits des Vorstellbaren, zu einer Gesellschaft die heute nicht erdacht werden könne. Ohne Geschichten über einen nie enden wollenden Übergang, wobei sich schon allein das Verfolgen dieser Grenze in einen politischen Beruf verwandelt, in eine ewige, überhaupt nicht unschuldige Beschäftigung, die eher einer Art und Weise ähnelt, sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, als einem Kampf für die Zukunft.

Kommunisten sind diejenigen, die gewöhnlichen Menschen auf einfache und direkte Weise erklären können, dass der Überfluss an materiellen Gütern bereits Realität ist und dass die Menschheit schon den Zustand erreicht hat, in dem sie diesen Überfluss auf gerechte und egalitäre Weise teilen könnte. Die, die fähig sind, zu erklären, dass es kein grundsätzliches Hindernis gibt, weder in der Natur, noch im Wesen der Menschheit, das uns für immer begrenzen, das uns zwingen würde, die offensichtliche Ungerechtigkeit oder die einfache Anspruchslosigkeit des Lebens der Mittelschichten als einzig möglichen Horizont zu akzeptieren.

Kommunisten sind diejenigen, die bei jeder Gelegenheit ihre Politik erklären und im Hinblick auf eine Gesellschaft weiterentwickeln, in der es Austausch gibt, aber keinen Markt; in der es Familien gibt, aber keine Ehe, in der es Regierung gibt, aber keinen Staat, in der die gesellschaftlichen Normen nicht in der Form eines Rechtsstaates verdinglicht sein müssen.

Der Marsch aller Märsche

Santiago de Chile

 

6. Aber nichts hiervon ist möglich ohne ein Programm. Kommunisten sollten diejenigen genannt werden, die über ein kommunistisches Programm verfügen. Diejenigen, die auf konkrete, aktuelle, reale Art und Weise die Maßnahmen ausdrücken können, die auf effektive Weise zu ihren historischen Zielen führen.

Ich behaupte heute hier nicht diese Thesen, um auf historische Beanstandungen oder moralische Herausforderungen hinzuweisen. Was ich inhaltlich behaupten möchte ist, welche diese realen und konkreten Maßnahmen sein sollten. Im Bezug auf welche Art von Politik dürfen wir uns wirklich Kommunisten nennen? Was mich bewegt ist nicht, wer das Recht haben sollte, diesen Namen zur Schau zu stellen oder diese Marke zu schützen, sondern das substanzielle Problem, welche Inhalte es sind, die von diesem Begriff erfordert und verlangt werden.

7. Eine kommunistische Politik muss die Notwendigkeit und das Recht verteidigen, dass der enorme materielle Reichtum, der heute auf dem Planeten produziert wird, von seinen direkten Erzeugern angeeignet und unter ihnen verteilt wird. Nicht durch den entfremdeten Konsum, sondern durch die tatsächliche Verteilung der Aufgaben und des Nutzens der materiellen direkten Produktion.

Dies ist nur möglich mit einer De-tertiarisierung [Tertiarisierung: Dienstleistungsgesellschaft] der Volkswirtschaft, die uns von der verblödenden Arbeit abbringt, uns alle in Erzeuger materieller Güter verwandelt und die Dienstleistungen von der Logik des Arbeitsmarktes komplett befreit.

Niemand sollte für das Unterrichten, für das Entwickeln von Wissen oder für das Schaffen von Kunst einen Lohn erhalten. Dass das Lohn-Prinzip der Produktion von Sachwerten vorbehalten bleibt und die Dienstleistungen sich endlich in Grundrechte verwandeln, welche man frei, jenseits jedweder Marktlogik, ausüben kann.

Direkte Folge hiervon und gleichzeitig ein paralelles Prinzip ist, dass man den Arbeitstag auf radikale Weise verkürzt, um allgemein die notwendige körperliche Arbeit unter allen Angehörigen der Arbeitskräfte zu verteilen. Während einer langen Zeit des Übergangs, wird es hierfür notwendig sein, die Löhne beizubehalten oder sogar zu erhöhen. Die einzige Möglichkeit dies zu tun ist, dass die Kosten eines solchen Einsatzes dem Mehrwert entnommen werden, das heißt, dass die enorme Steigerung der Arbeitsproduktivität von dem de facto Erzeuger angeeignet wird, auf diametral entgegengesetzter Weise zu deren kapitalistischer Aneignung.

Jede Verkürzung des Arbeitstages, die man bei gleichzeitiger Beibehaltung der Löhne erreicht, ist nichts als eine Maßnahme zur Wiederaneignung des von den Werktätigen geschaffenen Mehrwerts, eine gesellschaftliche Aneignung der Auswirkungen des technischen Fortschritts, den wir alle gemeinsam geschaffen haben. Die Kürzung des Werktages ist, auf direkte und effektive Weise, der Anfang eines langen Marsches zum Kommunismus.

8. Die kommunistische Politik muss einen Horizont konkreter, gangbarer und realer Maßnahmen aufzeigen, welche die unmittelbarsten Bedürfnisse berücksichtigen, die den fortschreitenden Aufbau der sowohl materiellen als auch politischen Hegemonie und der Autonomie des Volkes als Ganzes ermöglichen.

Erstens, im materiellen Bereich: eine Politik der radikalen Dezentralisierung der Lebensmittelproduktion. Gleichzeitig, eine Politik der radikalen Dezentralisierung der Energieproduktion. Und auch eine Politik der radikalen Dezentralisierung der Städte.

Zweitens, und parallel dazu: eine Initiative für die radikale Dezentralisierung der Verwaltung des Staatsapparats.

Alle Maßnahmen, die in Richtung Autonomie und Autarkie der Basisgemeinschaft im Bereich der Nahrungsmittel und Energie gehen, alle, die darauf ausgerichtet sind, die Ausdehnung der Kommunen [hin zum Unpersönlichen] zu verringern und ihre effektive Macht zu erhöhen, alle, die sich auf eine zivilen Kontrolle der Bildung, der Gesundheit, des Wohnungswesens, der Kulturverwaltung richten, sind Maßnahmen direkt auf dem Weg des langen Marsches zum Kommunismus.

Sie fürchten sich vor uns, weil sie wissen, dass wir uns nicht fürchten!

Sie fürchten sich vor uns, weil sie wissen, dass wir uns nicht fürchten!

 

9. Die Logik der Niederlage und der bürokratische Opportunismus haben uns daran gewöhnt, Maßnahmen wie diese aus einer gut gemeinten, paternalistischen und ironischen Ferne zu betrachten. Sie haben uns daran gewöhnt, zu glauben, dass nichts wirklich Wichtiges ab sofort geschehen kann. Sie haben uns daran gewöhnt, klein zu denken, auf kurze Sicht, kurzfristig, anspruchslos, innerhalb des kleinen politischen Kreises, innerhalb dessen sich die bürokratisierte Politik der herrschenden Kräfte bewegt.

Wir selbst haben uns an die kleinbürgerliche Geschichte vom “Utopischen” gewöhnt; wir haben uns mit der sentimentalen und ein wenig heuchlerischen Logik des “Träumers” abgefunden und haben uns oft sogar daran gewöhnt, nicht einmal mehr zu Träumen, uns einfach dem Alltäglichen zu widmen, als ob alles Wichtige in einer unbestimmten Zukunft liegen würde, oder noch schlimmer, als ob das, was wichtig ist, die Mittelmäßigkeiten wären, die uns von der Gegenwart und von den Mächtigen auferlegt werden.

Das ist der Grund, weshalb die Formulierungen, die Maßnahmen, die ich dargelegt habe, nicht genügen, obwohl sie die wesentlichen sind, um den kommunistischen Geist aus seiner Lähmung herauszuheben. Es ist notwendig, auch ein anderes Feld von Sofortmaßnahmen anzusprechen, welche die einfallslose Konkretion haben, auf die der kommunistische Geist reduziert wurde, aber die die erforderliche Radikalität besitzen, um würdig zu sein, kommunistisch genannt zu werden. Ein Programm, das die Herrschenden tatsächlich das Fürchten lehrt, das sie daran erinnert, dass der alte Maulwurf sich keine Ruhe gönnt und immer wieder bereit ist, mit seiner Herausforderung ans Tageslicht zu treten.

10. Die Kommunisten sollen, deshalb und weil es wichtig ist, es für sich selbst zu tun, auch einen strategischen Plan formulieren, der durch das Unmittelbare läuft, der jenen große Horizont vom fortschreitenden Aufbau de Volks-Hegemonie konkretisiert, mit den Aufgaben und Schwierigkeiten der Gegenwart.

In dieser Reihenfolge ist der erste Feind, den man ins Auge fassen muss, das Finanzkapital. Die Bank- und Marktzinsen drastisch senken, die Banksteuern drastisch erhöhen, auf schlagfertige Art und Weise die Formen der kapitalistischen Reproduktion, die offensichtlich unproduktiv und spekulativ sind, verbieten; jede staatliche Garantie für Privatschulden abschaffen, jeden Einsatz zur “Rettung” der Banken auf Kosten des Lebenstandards aller Werktätigen verhindern. Dies ist heute ein weltweiter Kreuzzug. Die breitesten politischen Kreise sind für die Durchführung dieser Reformen, sogar auf radikale Art und Weise. Die Kommunisten müssen die ersten und die beharrlichsten sein, in diesem Kampf, der allen gehört.

Der zweite große Feind, dem man ins Auge sehen muss, ist das transnationale Rentier-Kapital, das den privaten Nießbrauch über die Natur- und Bodenschätze hat, die die Natur für alle zur Verfügung stellt. Das Regime der Vollonzessionen aufheben, die hinter dem Rücken des Volkes gewährten Konzessionen von Naturressourcen im Bergbau, dem Fischfang, der Forstwirtschaft, den Wasserressourcen, sofort für nichtig erklären. Die Kommunisten müssen hierin die ersten sein, und nicht nur formell, mittels undurchsetzbarer Projekte innerhalb des etablierten institutionellen Systems.

Daher ist der dritte große Feind das politische System selbst, die Maschinerie der Staatsinstitutionen, die derart organisiert sind, dass ihre einzige wirkliche Aufgabe ihre eigene Reproduktion ist, neben der Aufgabe, im Dienste der Privatinteressen zu operieren. Es gibt keine mögliche politische Zukunft ohne eine neue Verfassung, die von der Gesamtheit der Chilenen auf demokratischer Weise aufgebaut wird. Und wir werden auf dem Weg zu diesem Ziel im Rahmen der Gesetze mit qualifiziertem Quorum keine Fortschritte machen, auch nicht im Kontext der binominalen Systems. Außerhalb eines verdorbenen und antidemokratischen Systems zu sein legitimiert uns, so tun als wäre man innerhalb, führt nur dazu, es zu legitimieren.

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11. Die Wirtschaft de-tertiarisieren (das Rückgängig machen der Dienstleistungswirtschaft), den Arbeitstag verkürzen bei gleichzeitiger Beibehaltung der Löhne, dem Regime der Konzessionen ein Ende setzen, die Geschäfte und Profite der Banken radikal einschränken. Hierbei handelt es sich also um radikale Maßnahmen. Um eine gewagte Politik. Es geht darum, tatsächlich darzustellen, was sie – heute eher zu Unrecht – von uns fürchten. Es geht darum, Kommunisten zu sein, weil wir das Ende des Klassenkampfes suchen.

Ich muss nicht klarstellen, dass es höchstwahrscheinlich so ist, dass den herrschenden Mächten eine Politik wie diese nicht wirklich gefällt, selbst auf der lediglich rhetorischen Ebene. Die Feinde der Demokratie werden uns als “Feinde der Demokratie” bezeichnen; diejenigen, die, die der Mehrheit der Menschen das Eigentum aberkannt haben, werden uns “Feinde des Eigentums” nennen; diejenigen, die ein zutiefst gewalttätiges System geschaffen haben, werden uns als “gewaltbereit” einstufen. Und sie werden sich damit nicht zufrieden geben, dies zu verkünden. Sie werden, wie sie es schon immer getan haben, zur direkten Gewalt übergehen, gegen diejenigen, die sich gegen ihre Gewalt auflehenen. Das ist nichts Neues und wird keine Neuigkeit sein.

Aber dann, angesichts der Gewalt der herrschenden Klassen, sollten diejenigen als Kommunisten  bezeichnet werden, die unser Recht auf revolutionären Gewalt gegen die institutionalisierte Gewalt anerkennen.

Die Misere der öffentlichen Krankenhäuser ist die Gewalt, die Zerstörung des Bildungssystems ist die Gewalt. Die prekären Löhne, die halsabschneiderische Verschuldung; dem ausländischen Kapital die Naturreichtümer zu verschenken, die uns allen gehören; den Staat vollkommen in den Dienst des  Kapitals zu stellen; dass die Staatbeamten ihre eigenen Interessen über die Interessen derjenigen stellen, die sie zu representieren behaupten: das ist Gewalt.

Wir werden die avantgardistische Gewalt kritisieren, wir werden unsere Gewalt legitimieren, indem wir sie zur Gewalt der Massen verwandeln. Wir werden Formen der Auseinandersetzung suchen, die nicht zu Verbrechen und Opfern führen; wir werden unseren Feinden jedes einzelne der Menschenrechte gewähren, welche uns von ihnen selbst verweigert werden. Aber es geht darum, diesen Kampf mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu führen.

Kommunisten können nur solche genannt werden, die unser Recht anerkennen, mittels revolutionärer Gewalt auf die Gewalt zu antworten zu der wir durch das Herrschaftssystem verdammt sind. Nur so können wir Kommunisten wieder, wie es sich gehört, von denjenigen gefürchtet werden, die nie vergessen haben, dass wir immer noch hier sind, dazu bereit, ihnen die Welt Faust um Faust, Marsch um Marsch, Blut um Blut streitig zu machen, die sie uns verweigern.

Santiago de Chile, 23. November 2012

Quelle: Sicario Infernal

cperezsotoCarlos Pérez Soto (geboren in Santiago de Chile am 6. Oktober 1954) ist ein chilenischer Physik Professor, Dozent an verschiedenen Universitäten und Forscher der Sozialwissenschaften. Er ist Author  einer Reihe von Werken aus verschiedenen Bereichen: Philosophie der Wissenschaften und Wissenschaftslehre, politische Philosophie und Marxismus, die Geschichte des Tanzes, und der Anti-Psychiatrie.
 
 
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