Marco, Libero!

Der militante anarchistische Umweltschützer ist seit 24 Jahren ununterbrochen in Haft, ohne Urlaub oder bedingte Freiheit. Gerechtigkeit oder Rache des Staates?

Wenn ich Marco Camenisch wäre

Von Francesco Bonsaver

offene-zelleBesser sofort klarstellen. Im Titel heisst es «Wenn ich Marco Camenisch wäre». Ich bin es nicht. Und ehrlich, ich glaube nicht, dass ich es je sein könnte. Aus verschiedenen Gründen. Aber nichts hindert daran zu versuchen, sich in den Gefangenen Camenisch hineinzuversetzen, der über 20 Jahre eingesperrt ist Es ist eine gute Methode, um sich Fragen zu stellen und sich eine freie Meinung zu bilden. Besser einige Fragen zuviel als zuviele Gewissheiten, vor allem in dieser Epoche der «absoluten Wahrheiten», die am Einheitsdenken-Tötalitarismus grenzen. Umso mehr, wenn wir von einem sehr heiklen Bereich reden, wie es das Verhältnis zwischen Bürgerlnnen und Justiz ist. Eine gerechte und nicht eine exemplarische Justiz, die über eine Drittperson gegen ein Symbol zuschlägt. Camenisch eine Stimme zu geben, indem seine gerichtliche Geschichte erneut durchgelesen wird, ist ein Mittel um zu Verstehen, in welche Richtung das Verhältnis zwischen Bürgerln und staatlicher Gewalt geht.Continue Reading

Allein Machen Sie Dich Ein

Cinema Utopia

Eine Dokumentation der Zürcher Häuserszene von den frühen Anfängen bis 1994 in 10 Teilen.

Bereits in den 50er-Jahren sammelte die Zürcher Jugend an den drei Züri-Festern Geld für ein Jugendhaus — ausdrücklich für die Jugendlichen, welche sich nicht in Vereinen organisieren wollten und liessen. 1980 wartete ‚die Jugend’ immer noch.
Ein kurzer Rückblick auf die erstmalige Forderung eines AJZ in den 60ern, das erste Allmendfest und die Besetzungen an der Venedig- und Hegibachstrasse leiten über zu den bewegten 80ern.Continue Reading

Ertrunken, ohne Pass oder Visa

Der letzte Feuerbrief, eines freien Syrier’s, ertrunken im Mittelmeer

Mutter entschuldige, weil das Schiff gesunken wurde und ich dort nicht ankommen konnte und ich das Geld nicht verdienen werde, um die Schulden für diese Reise zu begleichen.

Oh Mutter sei nicht traurig falls sie meinen Körper nicht finden. Wozu wäre das auch gut? Es gäbe zu hohe Ausgaben um meine Leiche zu verschiffen, Beerdigung und Beileidsbekundungen.Continue Reading

„Das ist eine echte Revolution“

AntiNote: Nachfolgend ein Interview mit David Graeber über seine Eindrücke aus Rojava. David Graeber schrieb als Professor für Anthropologie an der London School of Economics und Aktivist und Anarchist im Oktober 2014 einen Artikel in der Tageszeitung The Guardian, als der IS gerade begonnen hatte, Kobanê in Nordsyrien anzugreifen. Darin fragt er, warum die Welt die revolutionären syrischen Kurden ignoriere.

Er erwähnt seinen Vater, der 1937 als Freiwilliger in den Internationalen Brigaden zur Verteidigung der Spanischen Republik kämpfte und fragt: “Wenn heute eine Parallele zu Francos vordergründig frommen, mörderischen Falangisten gibt, wer könnte das sein außer der IS? Wenn es eine Parallele zu den Mujeres Libres Spaniens gäbe, wer könnte das sein, wenn nicht die mutigen Frauen, die die Barrikaden in Kobanê verteidigen? Ist die Welt, und diesmal am skandalösesten überhaupt die internationale Linke, wirklich dabei, mitschuldig zu werden und zuzulassen, dass sich die Geschichte wiederholt?“

Laut Graeber wurde die autonome Region von Rojava mit den drei antistaatlichen, antikapitalistischen Kantonen 2011 mit einem „Gesellschaftsvertrag“ ausgerufen und ist damit ein bemerkenswertes demokratisches Experiment dieser Epoche.

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“Rojava February” by PANONIAN – Own work. Licensed under CC0 via Wikimedia Commons

Anfang Dezember verbrachte er mit einer achtköpfigen Gruppe von Studenten, Aktivisten und Akademikern aus verschiedenen Teilen Europas und der USA zehn Tage in Cizîrê, einem der drei Kantone Rojavas. Er hatte vor Ort Gelegenheit, die Praxis der „Demokratische Autonomie“ zu beobachten und viele Fragen zu stellen.Continue Reading

“Die EU tötet Flüchtlinge: Fähren statt Frontex!”

AntiNote: Aufruf zu Tage der Wut und der Direkten Aktion

Sie kamen zuerst für die Flüchtlinge, und ich sagte nichts …

Ein Regime, das aus einer Mischung von rassistischem Egoismus und kulturellem Nationalismus Flüchtlinge an ihren Grenzen umbringt; innerhalb ihrer Grenzen verfolgt, verhaftet und marginalisiert, wird den Aufstieg der menschenverachtenden Rechten nicht verhindern können.

Die gestrige Katastrophe muss einen Paradigmenwechsel darstellen, wenn wir das Andenken der Verstorbenen respektieren wollen. Ertrunkene Menschen im Mittelmeer sind nicht unvermeidbar. Diese Menschen sterben nicht wegen einer Naturkatastrophe, sondern durch eine sowohl unmenschliche als unwürdige Doktrin: “Die Ertrunkenen sollen als Abschreckung dienen”. Nichts an all dem ist unvermeidbar.

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Einige Gedanken zu Syrien

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Von Leila Al Shami, übersetzt von AntiDote

Ich wurde gebeten, für das anarchistische Treffen in Tunis, an dem ich leider nicht teilnehmen konnte, eine Übersicht der Ereignisse in Syrien zu verfassen. Das Folgende ist eine leicht editierte Version . . .

Im Jahr 2011, im Zuge eines Aufstandes, der durch die Mittelmeerregion zog, ­erhoben sich die Menschen in Syrien in gewaltigen Zahlen um das Abtreten des Regimes zu fordern. Es war ein spontaner Volksaufstand, der seine Ursprünge in den benachteiligen ruralen und urbanen Gebieten hatte. Es war eine Antwort auf Jahrzehnte der Diktatur, eines repressiven Polizeistaats, einer mafiösen Elite und der neoliberalen Politik des Baath Regimes, welche weite Teile der Bevölkerung verarmen ließen.

BurningSyria von Tammam Azzam

BurningSyria von Tammam Azzam

Es war eine Bewegung ohne AnführerInnen, die Menschen verschiedener Klassen, Ethnien oder Religionen verband. Junge Männer und Frauen organisierten sich horizontal in den Komitees, die in Dörfern und Städten sprossen, und versuchten die Proteste und den zivilen Ungehorsam zu koordinieren. In den belagerten oder bombardierten Gebieten versuchten sie direkte Hilfe, zu leisten.Continue Reading